Brandshof bleibt!
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Das ewige Thema: Gentrifizierung

16.02.2015 - 12:01 von Redaktion

Ein innerstädtisches oder zumindest innenstadtnahes Stadtviertel ist in einem abgerockten Zustand. Die Mieten sind billig. Künstler und Kreative ziehen dorthin, weil sie sich nix anderes leisten können. Im Rahmen des kreativen Prozesses entsteht eine Subkultur, die nach einer Weile nach außen wirkt. Studenten mit wenig Geld und einem Faible für das Unübliche - zumindest während der Adoleszenz - ziehen in das Viertel. Es tobt das Leben in Form von Partys, Clubs und Kneipen... Eine Szene entsteht. Die Medien greifen diese Entwicklungen auf und fördern sie mit einem Stapel von Artikeln über sogenannte "Geheimtipps".

Künstler und Kreative etablieren sich. Aus Studenten werden Akademiker und Eltern. Die Mieten steigen, die Substanz der Häuser wird sukzessive verbessert. Durch das spannende Milieu fühlen sich auch andere angezogen und ziehen nach. Die Mieten steigen weiter, Künstler, Kreative und Studenten können sich die Wohnungen nicht mehr leisten und müssen woanders hinziehen. Die Gentrifizierung ist beendet.

Zurück bleibt ein Stadtteil, in dem sich die Bevölkerungsstruktur radikal verändert hat. Arme, sozial Schwache, Ausländer und ganz normale Arbeiter und Angestellte sind den Besserverdienenden und Jungakademikern gewichen und (zumeist) an den Stadtrand gezogen.

Das ist alles hinlänglich bekannt und ständig wird darüber geschimpft. Auch wir am Brandshof sind Teil eines solchen Prozesses. Wir sind kreativ und wirken nach außen. Hinzu kommt die desaströse Nähe zur wachsenden HafenCity. Ständig melden sich über die Website Zuzugswillige, die von irgendwem vom Brandshof gehört haben.

Das hat uns dazu gebracht, uns immer wieder über das Thema Gentrifizierung zu unterhalten. Wie kann man sie verhindern, wie aufhalten oder zumindest verzögern? Wer oder was trägt Schuld an der Entwicklung eines Stadtviertels zur Unbezahlbarkeit? Welche Alternativen hat man als Einzelner oder als Gruppe, wenn man nicht Teil eines solchen Prozesses sein will?

Die Rolle der Wirtschaft

Das naheliegendste, die wirtschaftlichen Interessen der Spekulanten als Hauptwirkungsfaktor zu benennen, ist zwar völlig korrekt, greift jedoch zu kurz. Es versteht sich von selbst, Kapitalisten wollen aus ihren Anlagen möglichst viel Profit herausschlagen. Aus reiner Menschenfreundlichkeit und Selbstlosigkeit kauft kaum jemand ein Haus. Die Investition soll lohnen.

Dieses Ziel lässt sich prinzipiell auf verschiedenen Wegen erreichen. Entweder indem man sich ordentlich um seine Immobilien kümmert, nötige Instandhaltungsmaßnahmen realisiert, Möglichkeiten zur Mieterhöhung ausschöpft und für eine volle Belegung der Wohnungen sorgt. Oder eben, indem man nur das Allernötigste am Haus macht und versucht, durch häufige Mieterwechsel den Mietzins immer weiter in die Höhe zu treiben.

Weg Nummer Eins ist wesentlich weniger attraktiv als Weg Zwei. Da ein "moralisches Verhalten" im Vermieterumfeld nicht sonderlich goutiert wird, wählen viele den finanziell attraktiveren Weg. Durch die Politik wird das den Mietern gegenüber asoziale Verhalten durch vermieterfreundliche Gesetzgebung und Urteile gefördert. Und nicht zuletzt ist die Betrachtung einer Investment-Immobilie durch den Eigentümer eine ganz andere als durch den Mieter.

Für den Eigentümer ist es lediglich eine Kapitalanlage, die Rendite abwirft. Optimiert man diesen Prozess, ist die Rendite entsprechend höher. Hält man sich dabei ans Gesetz, braucht man sich keinen Vorwurf zu machen. Man geht ein finanzielles Risiko ein und wird dafür belohnt. Der Mieter hat dieselben Möglichkeiten, kann sich in Mietervereinen organisieren und sich im Rahmen der Gesetze wehren. Manchmal werden auch Abfindungen angeboten, (teurere oder kleinere) Ersatzwohnungen und wenn alles nichts mehr hilft, zahlt halt das Arbeitsamt die neue Wohnung.

Darauf, dass eine Wohnung mehr bedeutet als die Abladestelle für Möbel und der Ort, wo man schläft, kommen viele der Eigentümer nicht. Vielleicht sind sie nicht an einem Ort heimisch, waren nie gezwungen, ihren Heimatort zu verlassen oder sind auf der ganzen Welt zu Hause. Eine Wohnung oder ein Objekt sind Besitzgüter, mit denen man machen kann, was man will. Schließlich gehören sie einem ja.

Dass durch ihr Verhalten langjährige Beziehungsverhältnisse auseinandergerissen werden, Gemeinschaften zerbrechen, ein neuer Lebensmittelpunkt gefunden und erobert werden muss, ist nicht im Fokus ihres Bewusstseins. Und, das möchten wir an dieser Stelle mal betonen, in den meisten Fällen nicht aus Boshaftigkeit oder Missgunst. Sie leben einfach in einer anderen Welt. Genauso, wie wir uns nicht vorstellen können, welche Sorgen und Nöte ihr Leben bestimmen.

Das macht es nicht besser, keine Frage, und soll auch nicht deren Verhalten entschuldigen. Sie hätten die Möglichkeit, darüber nachzudenken, ihre Schlüsse zu ziehen und entsprechend zu handeln. Dass sie es in der Regel nicht tun, kann man ihnen zum Vorwurf machen.

Die Rolle der Politik

Aber kommen wir jetzt zum nächsten Verdächtigen, der Politik. Wie sich eine Stadt entwickelt, hängt zum guten Teil mit der Politik zusammen, die in ihr gemacht wird. Bevor wir gleich auf ihnen rumhacken, wollen wir mal feststellen: Politiker sind auch nur Menschen, die den üblichen Wünschen und Eitelkeiten unterworfen sind. Sie wollen ein schönes Zuhause, Sicherheit für ihre Familie und von der Gesellschaft anerkannt werden. Wobei mit "Gesellschaft" primär ihre soziale Gruppe und sekundär die öffentliche Wahrnehmung gemeint sind.

Die soziale Gruppe eines Politikers besteht im Wesentlichen aus oberer Mittelschicht und Mitgliedern der Oberschicht. Der tägliche Kampf ums Überleben ist ihnen fremd. Sie müssen keine Angst vor einem Verlust des Arbeitsplatzes und der Wohnung haben. Sie müssen sich nicht überlegen, worauf sie verzichten, um notwendige Sonderausgaben zu bewerkstelligen. Wenn etwas kaputt geht, wird es einfach neu gekauft.

In der öffentlichen Wahrnehmung wollen sich Politiker (häufig) ein Denkmal setzen. Das besteht entweder aus "politischen Errungenschaften" (z. B. Euro-Einführung und Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes bei Helmut Kohl) oder Wahrzeichen, die der Stadt ein neues Gesicht geben (neuer Berliner Flughafen, neuer Stuttgarter Hauptbahnhof, Elbphilharmonie, Olympische Spiele).

Die Sorgen und Nöte des einfachen Bürgers kommen nur während des Wahlkampfs, pro forma auf die Tagesordnung. Hier in Hamburg besteht Stadtentwicklung in erster Linie daraus, dass die Stadt für Touristen, Investoren und die (schwindende) gut verdienende Wohnbevölkerung attraktiv ist. Wer arm ist, soll - wenn es unbedingt sein muss - an den Stadtrand ziehen. In Mümmelmannsberg ist es auch schön grün. Nur vergessen die Politiker eine Kleinigkeit: Wer arm ist, kann gar nichts mehr.

Sozialer Wohnungsbau wäre möglich und lohnte sich über längere Sicht für die Stadt mehr als die Förderung von Sozialwohnungen. Die fallen nämlich nach einigen Jahren aus der Mietpreisbindung und können somit zu Höchstpreisen vermietet werden. Baute die Stadt selbst Wohnungen, ließen sich die Mietpreise wunderbar steuern. Interessiert aber nicht. Das Verhalten von SAGA/GWG vervollständigt das Bild. Die Politik in Hamburg interessiert einfach nicht, wie (teuer) der gemeine Bürger wohnt. Dabei ist es gleich, ob CDU oder SPD das Heft in der Hand halten.

Hamburger Bürger wählen alle vier Jahre zu rund 90٪ CDU, SPD, Grüne und FDP. 90٪ der Hamburger Wähler wollen genau diese Politik! Eine Politik, die für 10٪ gemacht wird und der Mehrheit der Bevölkerung schadet. In der Psychologie nennte man das selbstverletzendes Verhalten.

Unser Anteil

Aber genug davon. Kommen wir jetzt zu unserer Rolle bei der Gentrifizierung. Wir sind diejenigen, die sich darüber beschweren, warum eigentlich? Ist es, weil wir aus den Innenstädten durch immer höhere Mieten vertrieben werden, die wir uns nicht mehr leisten können? Oder weil sich unser Umfeld in eine Richtung hin entwickelt, die wir nicht mögen? Oder weil wir - völlig unegoistisch - um die Rechte der Armen, Ausländer, Zugewanderten, Rentner, Arbeitslosen und sonst wie ausgegrenzten kämpfen? Oder einfach nur, weil wir prinzipiell dagegen sind, dagegen, dass sich etwas ändert, an das wir uns gewöhnt haben?

Wahrscheinlich ist an jeder dieser zugegebenermaßen polemischen Fragen etwas dran. Wir brauchen billige oder zumindest bezahlbare Mieten, weil wir nicht unsere ganze Arbeitskraft - und damit wertvolle Lebenszeit - auf die reine Existenzsicherung verwenden wollen. Damit wir auch mal was Vernünftiges essen können und nicht nur die Scheiße fressen müssen, die man sich gerade noch so leisten kann, wenn man fast alles für die Miete ausgeben muss. Wir wollen Zeit haben, um über die Welt nachzudenken, uns auszudrücken, einen Abdruck zu hinterlassen, zu spüren und gespürt zu werden. Zeit, nicht nur um uns für den nächsten Arbeitseinsatz zu erholen, sondern um das Schöpferische in uns zulassen zu können. Zeit, um innezuhalten. Zeit für Freunde, Gespräche, Freude.

Und natürlich Zeit, um zu protestieren, für eine Stadt als Lebensraum für alle zu kämpfen. Eine Stadt, die - wie schon hunderte Male gesagt - nicht rein wirtschaftlichen Verwertungsinteressen unterworfen ist, sondern von und für alle gestaltet wird. Eine Stadt, die der Vereinzelung entgegentritt, auf der Straße nicht nur Autos sondern Leben finden lässt, kurz, eine Stadt, die Hoffnung gibt. In der Stadt treffen Ideen aufeinander, die sich gegenseitig befruchten, Neues entstehen lassen.

Vielleicht sollten wir aus dem Spiel aussteigen. Wir sind schließlich diejenigen, welche den Boden für jene bereiten, die später die Kohle aus der aufgewerteten Gegend ziehen. Wäre es nicht eine gute Idee, einfach irgendwo mitten im Nichts ein Utopia zu errichten, wo uns die ganzen Spekulanten und Politiker mal kreuzweise können? Wo wir auf die Verwertungsinteressen des Kapitals scheißen können? Wo wir kreativ sein, über Gott und die Welt nachdenken können und Zeit für unsere Freunde haben?

Verflucht noch mal, nein, nie und nimmer! Wir bleiben hier! In der Stadt. Und sind unbequem für uns und alle anderen. Wir würden nichts gewinnen, zögen wir uns zurück. Im Gegenteil, je weniger Reibung uns begegnet, desto träger und behäbiger werden wir. Und irgendwann sind wir lediglich noch Besitzstandswahrer. Dann lieber kämpfen, verlieren, wieder aufstehen und weiter kämpfen. Ganz gleich, ob das Kapital uns für seine Zwecke missbrauchen will, wir bleiben!

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